ExpeditionFinance 3. November 2020

„Nachhaltige Anlagen bedeuten keinen Kompromiss bei der Rendite“

Was bedeutet die Corona-Krise für nachhaltige Kapitalanlagen? Achten Anleger nun wieder mehr auf Rendite? Oder ist diese Frage schon falsch gestellt? Markus Müller aus dem Team des Chef-Anlagestrategen für die Internationale Privatkundenbank hat eine klare Meinung.

Es scheint paradox: Zwar zeigen Studien, dass viele Geldanlagen, die Nachhaltigkeit und die ESG- Kriterien (Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung) berücksichtigen, zuletzt stabiler waren als entsprechende Messlatten ohne diese Kriterien. Trotzdem sehen viele Menschen Nachhaltigkeit und Rendite als Gegensatz – und meiden deshalb solche Produkte.    

So kam eine Analyse der Fondsrating-Agentur Scope, die sich die Entwicklung von zahlreichen Investmentfonds im ersten Quartal dieses Jahres angesehen hat, zu dem Ergebnis, dass nachhaltige Aktienfonds überwiegend besser abschnitten als ihre Vergleichsindizes. Bei Aktienfonds ohne Nachhaltigkeitsfokus war häufig das Gegenteil der Fall. Eine Studie der internationalen Großbanken-Organisation IIF zeigt darüber hinaus, dass auch im zweiten Quartal 80 Prozent der ausgewählten Anleihenindizes mit ESG-Fokus die entsprechenden Messlatten ohne diese Kriterien schlugen. Dennoch haben laut Studie – trotz wachsender Volumina – nur 2,5% der weltweit mehr als 135.000 Fonds einen ESG-Fokus.

Die Deutsche Bank hat sich vor kurzem das Ziel gesetzt, bis 2025 auf mindestens 200 Milliarden Euro an nachhaltigen Finanzierungen und Anlageprodukten im Bereich ESG zu kommen. Wie Menschen trotz bestehender Vorurteile von solchen Anlagen überzeugt werden können und welchen Einfluss die Corona-Krise auf diesen Bereich haben könnte, erklärt der Ökonom Markus Müller.

Markus Müller, wie verändert die Corona-Krise das Interesse an nachhaltigen Finanzprodukten?

Die Corona-Krise hat uns offenbart, was wir verändern sollten

Markus Müller: Wir sind an einem Punkt, an dem sich eine Menge verändern kann, wenn wir es richtig angehen. Dies hat uns die Corona-Krise gezeigt und auch offenbart, was wir verändern sollten. Die Veränderungen betreffen unsere Gesellschaften und Ökonomien im Allgemeinen aber auch die Anlagewelt. Jetzt müssen wir aus dieser Krise lernen. Für uns als Bank heißt das: Wir müssen aufzeigen, welche neuen Wege und Möglichkeiten es gibt. Wir müssen eine Idee entwickeln, wie das Morgen aussehen kann.

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Welche Idee schwebt Ihnen vor?

Müller: Im Bankgeschäft von morgen müssen wir Anlegerinnen und Anlegern noch klarer erläutern, wozu ihre Investitionsentscheidung führt oder führen kann. Denn nur wenn ich um die Wirkung der Anlageentscheidung weiß, kann ich mir auch überlegen, ob ich das will oder nicht. Konkret: Wollen wir so leben und investieren wie vor Corona, oder wollen wir in Zukunft etwas anders machen – auch um gegen zukünftige Krisen gewappnet zu sein? Ich bin fest davon überzeugt, dass ESG-Kriterien in Zukunft bei Investitions- und Finanzierungsentscheidungen stärker mit einbezogen werden.

Beratung

Was wird im Vordergrund stehen: die Rendite oder das Gewissen?

Müller: Das lässt sich nicht mehr so einfach trennen und es steht auch nicht mehr im Widerspruch. Wir werden mehr Resilienz und langfristige Stabilität sehen – vor allem wenn Anleger spüren, dass sie Veränderungen mitbeeinflussen können. Unsere Aufgabe ist es, sie dabei zu unterstützen und sie über die Konsequenzen transparent aufklären: Das heißt, ihnen mithilfe von Daten zu zeigen, ob und welche Kapitalanlagen die ESG-Kriterien erfüllen und welche Herausforderungen die Unternehmen noch vor sich haben, in die investiert werden soll.

Wie begegnen Sie Anlegern, die dennoch Angst haben, bei nachhaltigen Geldanlagen auf Rendite verzichten zu müssen?

Ich zeige ihnen, dass nachhaltige Anlagen sogar positiv für die Portfoliorendite sein können

Müller: Ganz einfach: Ich zeige ihnen, dass nachhaltige Anlagen sogar positiv für die Portfoliorendite sein können. Das heißt nicht, dass sich nachhaltige Anlagen grundsätzlich besser entwickeln als Anlagen, die die ESG-Kriterien nicht direkt berücksichtigen. Aber ich sage klipp und klar: Nachhaltige Anlagen bedeuten keinen Kompromiss bei der Rendite – es ist eine bewusste Entscheidung im Sinne der sozialen Stabilität, des Umweltschutzes und der guten Unternehmensführung.

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Wirklich?

Müller: Ja. Eine nachhaltige Anlage, die die Kriterien des Sozialen und der guten Unternehmensführung berücksichtigt, wird wahrscheinlich weniger volatil sein und eine stabilere zukünftige Rendite liefern – eine Rendite mit nachhaltiger Qualität. Andersherum gilt: Firmen, die die Faktoren E, S und G nicht berücksichtigen, sind aus meiner Sicht nicht zwangsläufig adäquat für die Zukunft aufgestellt. Anleger sollten sich fragen, ob ihnen solche Firmen in einigen Jahren noch das liefern können, was sie sich von einem modernen Unternehmen versprechen.

Dagegen spricht, dass es derzeit verhältnismäßig wenige Anlagen mit ESG-Fokus gibt. Falls es nun zu einer deutlich größeren Nachfrage käme, könnte das die Preise für solche Produkte steigen und somit die Renditen sinken lassen.

Müller: Ich glaube nicht, dass das zu einem größeren Hemmnis führen wird – schon deshalb, weil sich der Wettbewerb in diesem Bereich erhöht. Denn parallel zur Nachfrage wird auch das Angebot an ESG-Produkten steigen. Durch den vermehrten Einsatz von Produkten wie ESG-ETFs wird der Kapitalmarkt effizienter. Gleichzeitig werden Menschen durch neue Technologien einfacher Zugang zu Daten und Informationen haben. Dadurch wird der Kapitalmarkt immer transparenter. Somit  könnten nachhaltige Finanzdienstleistungen künftig günstiger angeboten werden.

Börse

In der Vergangenheit war es schon häufig so, dass Wachstum Gedanken an Nachhaltigkeit verdrängt hat. Auch nach der aktuellen Krise wird Wachstum wieder eine große Rolle spielen. Warum sollte dieses Mal etwas anders sein als sonst?

Müller: Weil die aktuelle Krise ganz plastisch zeigt, zu was unser bisheriger Lebensstil führen kann. Ein Beispiel: Wenn die Biodiversität durch menschliche Eingriffe geringer wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Virus aus der tierischen in die menschliche Welt überspringt und andersherum. Denn wenn sensitive Arten aussterben, vermehren sich in der Regel die verbliebenen Arten, die sogenannten Generalisten, umso stärker und kommen mit Arten in Kontakt, denen sie normalerweise nie begegnet wären. Befällt ein Virus eine Art, kann es sich stärker ausbreiten und auch die Artenschranke überschreiten, sodass es schneller auf den Menschen überspringt - zumal der Mensch ebenfalls immer weiter in die Natur vordringt. Die Globalisierung fördert diese Verbreitung zusätzlich. Springt das Virus in die menschliche Welt über, betrifft das letztlich jeden und daher wird sich jetzt sicherlich etwas ändern.

Deshalb haben wir in dieser Krise die Chance, systemisch etwas zu ändern

Sie glauben also, dass diese Pandemie uns Menschen weltweit bewusster macht.

Müller: Ja, wir werden stärker hinterfragen, unter welchen Bedingungen gearbeitet wird und wie wir mit Lebensmitteln und unserer Gesundheit umgehen. Deshalb haben wir in dieser Krise die Chance, systemisch etwas zu ändern – in unserem Gesundheitssystem, den Wertschöpfungsketten von Unternehmen und in der Folge auch im Finanzsystem.

GlobalisierungWelche Rolle wird dabei die jüngere Generation spielen, die ihr Vermögen teilweise ererbt hat und von der es immer wieder heißt, dass sie tendenziell stärker darauf achtet, dass ihr Geld nach ethischen Maßstäben angelegt wird?

Müller: Eine große. Wir leben in der sogenannten Spätmoderne, in der viele Menschen bereits sehr viel besitzen und sich deshalb intensiver mit nicht-materiellen Themen beschäftigen können und wollen. Gleichzeitig ist sich die junge Generation darüber bewusst, vor welchen Problemen sie künftig stehen wird. Deshalb entscheiden sich viele junge Menschen für nachhaltige und transparente Geldanlagen und fordern auch von Unternehmen, dass sie sich stark verändern, um bereits jetzt für die Zukunft zu sorgen.

Wie sollten Banken darauf reagieren?

Banken können und müssen Unternehmen dabei unterstützen, sich zu verändern

Müller: Banken müssen Anlegerinnen und Anlegern in großem Stil attraktive, ESG-konforme Anlagemöglichkeiten anbieten. Darüber hinaus sollten sie sich grundsätzlich überlegen, wie sie mit Unternehmen zusammenarbeiten. Vor allem sollten sie darüber nachdenken, wie sie Unternehmen bei den Transformationsprozessen begleiten können, die viele aufgrund des Klimawandels durchlaufen werden. Banken können und müssen Unternehmen dabei unterstützen, sich zu verändern – so dass Unternehmen nicht verschwinden, sondern Arbeitsplätze in ganz neuen Tätigkeitsfeldern und auf ganz neue Weisen schaffen. Das ist jetzt unsere Rolle. Banken sind Experten für Finanzierungs- und Investitionsstrukturen. Also können sie Unternehmen beraten, wie sie ein nachhaltiges Geschäftsmodell finanzieren können und welches Kundenpotenzial es dafür gibt. Hier sehe ich eine große Aufgabe für die Zukunft.

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